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Gehirnkraft, Muskelkraft, Schwerkraft

Der Film "Gravity" wird weltweit als Kinoereignis des Jahres hochgejazzt. In Wahrheit ist der Hollywood-Weltraum-Thriller mit Sandra Bullock und Georges Clooney eine Art Bergfilm. Warum? Es geht um außergewöhnliche Perspektiven auf die Erde, um Freiheit, Höhe, Raum und Zeit. Und natürlich um die Schwerkraft. Sie ist gewissermaßen die Essenz aller Bergfilme und des Bergsports überhaupt. Denn egal, ob wir wandern, bergsteigen, eisige Hochtouren wagen oder an senkrechten Wänden hochklettern – immer geht es um das Wechselspiel zwischen Muskelkraft und Erdanziehung.

Die radikale Vertikale ist also die Dimension der Alpinisten, und die Kameraleute waren schon immer die Vermittler dieser Wunderwelt. Auf jenen brutalen Anstiegen, wo jedes Gramm Mehrgewicht auch gestählte Körper gnadenlos schwächt, nahmen sie freiwillig klobiges Übergepäck in Kauf. In endorphingetränkten Spannungssekunden und sauerstoffarmen Durchhaltestunden haben sie sich den kühlen Blick aufs Ganze bewahrt. In einer Welt, die Sensationen will und Leistungen anhand des verfügbaren Bildmaterials würdigt, stehen die wahren Helden des Bergfilms immer am falschen Ende der Kamera.

Aber gut. In Zeiten der allgegenwärtigen Filmerei durch NSA, Webcam, Knopfloch- und Helmkamera gerät auch diese Gewissheit ins Wanken. Ego-Vermarktung ist angesagt. In den Bergen, diesen vermeintlichen Zeugen der Ewigkeit, ändert sich sowieso fast alles. Jedes Tal erhält seinen Klettersteig, jedes Kar seinen Handymast, jeder Gipfel seinen Skywalk. Ob Caving oder Canyoning, Snowkite oder Hundeschlitten: die Pauschaltouristen sind überall. Das Wetter am Everest sagen wir so präzise vorher wie die Luftfeuchtigkeit über unseren Stammtischen. Mit Navi und GPS finden wir überall hin und der Rettungshubschrauber holt uns nach Einbruch der Dunkelheit wieder überall heraus.

Für die echten Abenteurer werden die Räume eng, kreative Zugänge und neue Erzähltechniken sind gefragt. Bald geht es nur mehr um die Erstdurchquerung des Gleinalmtunnels ohne künstlichen Sauerstoff. Die Binnenkonkurrenz der Bergfilmer ist groß, aber der Bergfilm als solcher hat eine grandiose Zukunft. Denn für uns burnout-bedrohte Schreibtischhengste der 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft ist er die Projektionsfläche für unsere verlorene Work-Life-Balance. Wir wollen wenigstens ab und zu wissen, wie es da draußen aussieht und was man dort alles erleben kann. Unser Leben wird beschränkt durch eine computergesteuerte, bürokratisch durchorganisierte Normenwelt. Ob Gurten- oder Leinenpflicht, Immissionsschutz oder Barrierefreiheit, "Code of Conduct" oder Warnhinweis auf dem Knäckebrot: sicher und rundumbetreut gleiten wir teilentmündigt durch eine gefahrenbereinigte Watte-Welt. Der Bergfilm ist eine seltene Bastion des Eskapismus, denn die Gedanken sind frei, und obwohl sie fliegen können, gilt für sie noch keine Helmpflicht.

Nützen wir diese Lücke, solange sie besteht.

Dr. Ernst Sittinger Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Wirtschaftsressorts der "Kleinen Zeitung"