Der Berg und die Wahrheit

Messner, der Film. Ist es möglich, der Selbstinszenierung des berühmtesten Bergsteigers unserer Zeit noch eine Inszenierung draufzusetzen, dem in Permanenz Selbstreflektierenden noch überraschende Spiegelungen abzuringen? Kann ein Film noch Erkenntnisgewinn bieten, wenn sämtliche Wahrheiten der Person und den Umständen bereits abgetrotzt scheinen? Regisseur Andreas Nickel ist das gelungen. Sein eindrucksvolles Stück maximiert so, was ein moderner Bergfilm erreichen kann, wenn er sich vom Breitwandmelodram und vom Serienkitsch abheben will: die wahrhaftige Darstellung von Menschen, die selbst nach Wahrheiten suchen.

Reinhold Messner etwa begründet seinen lebenslangen Weg in die Berge mit Rebellion und Ausbruch aus engen autoritären Verhältnissen; sein Spannungsbogen beginnt also mit dem Dorf und dem Elternhaus. Bei vielen Bergsteigern ist dieses Aufbäumen anders oder sogar konträr fundiert. Da kann es die Flucht aus gesättigter Normalität sein, die schon britische Upper-Class-Repräsentanten in den Himalaya trieb, und heute Konzerndirektoren auf die höchsten Berge Europas bringt und die städtisch geprägten Wiener haufenweise auf die Hohe Wand. Wiederum andere - oft Spätberufene - trotzen mit der Lust am Berg in ihrem eigenen Lebensbogen dem Verfall des Körpers und der Feigheit des Alters.

Was all diesen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensgeschichte gemein ist: die Suche nach einer Wahrheit im Selbst. Die kann im simplen Kennenlernen nicht unmittelbar zugänglicher Flecken der Erde liegen, sei es der Geschriebenstein im Burgenland, sei es der Everest oder der undurchdringliche Dschungel Papua-Neuguineas. Die Wahrheit kann im Ausloten der Leistungsfähigkeit an den Grenzen zum muskulären oder psychischen Zusammenbruch liegen. Und oft ist die solcherart erarbeite Wahrheit in der Konfrontation mit der Gefahr zu finden. Berge und unberührte Natur bieten wie kein anderes Milieu das perfekte Setting für diese Suche nach Grenzen und Wahrheit.

Der Film aus diesem Raum ist das Medium, das mit dem persönlichen Erleben des Menschen vertiefend und multiplizierend umzugehen sucht. Mit dem Pflichtenheft des verantwortungsvollen Journalismus ausgestattet, übersetzt die Dokumentation das Individuelle in eine allgemein verständliche Bild-, Ton- und Handlungssprache; der Spielfilm stellt mit ähnlichem Anspruch mögliche Denkwelten nach.

Wann ist ein Film gelungen, wann also ist er ein guter Berg- oder Abenteuerfilm? Vielleicht dann, wenn er in der Suche nach den Wahrheiten und in ihrer filmischen Konstruktion der Welt möglichst nahe kommt.

Dr. Christian Rainer
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