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Alpine Dokumentation
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Der Bergfilm: Tot? Scheintot? Wiederauferstanden?

Link: Preisträger 1986-2005

Grand Prix Graz

Beim vierten Grazer Bergfilmfestival 1992 diskutierten darüber die unvergessene Karin Brandauer, Regisseurin von Filmen wie „Verkaufte Heimat“ und „Die Wand“, Dieter Pochlatko, der Grazer Filmproduzent, Frido Hütter, Kulturchef der Kleinen Zeitung, Andreas Braun, damals noch Chef der Tirol-Werbung mit dem prägnanten Slogan „Land im Gebirg“ und der Linzer Extrembergsteiger Edi Koblmüller. Alle waren sie der Meinung, dass sich das Genre Bergfilm geteilt hätte: hie als Spielfilm im Kino, dort vorwiegend als Dokumentationsfilm im Fernsehen.

Vom Kino zum Fernsehen

Die große Zeit der Bergfilme in den Kinos der 20er und 30er Jahre erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg nur eine kurze, von Frankreich ausgehende Renaissance. Alle Versuche, in den letzten Jahrzehnten den Bergfilm wieder ins Kino zu bringen, scheiterten mehr oder minder. Trotz erstklassiger Besetzung, trotz bester Regisseure, wie zum Beispiel „Five Days One Summer – Am Rande des Abgrunds“ mit Sean Connery und dem einstigen Wiener Bergsteiger und fünffachen Oscar-Gewinner Fred Zinnemann im Regiesessel.

Der Bergfilm wechselte statt dessen in die Dokumentarreihen des Fernsehens. Ist es ein Zufall, dass Tier-, Berg- und Naturfilme seit Beginn der 80iger Jahre Quotenbringer der TV-Anstalten sind?

Bergsteiger und Träumer

Dass der Bergfilm auf großer Leinwand doch noch von Zeit zu Zeit gezeigt wird, ist den Bergfilmfestivals mit ihren von Jahr zu Jahr steigenden Zuseherzahlen zu danken. Ihr Initiator im deutschen Sprachraum: Robert Schauer.

Wer Schauer zum ersten Mal sieht, zum ersten Mal mit ihm spricht, wird ihn kaum für einen Spitzenbergsteiger oder Filmer, eher für einen Arzt oder Künstler halten. Zumindest erging es mir so: keine markigen Sprüche, kein Nordwandgesicht. Die Everest-Expedition 1978 des Österreichischen Alpenvereins war ein Eckpfeiler im Leben Schauers: Am 3. Mai stand er, erst 25 Jahre alt, als erster Österreicher am Gipfel. Am Everest sammelte er zudem die ersten professionellen Filmerfahrungen. Sein Lehrmeister war der berühmte englische Bergfilmer Leo Dickinson. 1975 hatte Schauer seinen ersten Achttausender, den Hidden Peak bestiegen, 1976 im Unternehmen seines Grazer Freundes Hanns Schell den Nanga Parbat: mit Pickel, Seil und erstmals einer Kamera, einem bescheidenen super 8mm – Gerät. 1996 sollte er mit sehr viel schwererem Gepäck und unter extremer seelischer und körperlicher Belastung wieder am Everest stehen: als Mitglied des historischen IMAX-Filmteams, das damals seine Arbeit für die Rettung der Überlebenden der Katastrophentage am höchsten Berg der Welt zurückstellte. 2004 erreichte Schauer, bereits 50 Jahre alt, zum dritten Mal den Gipfel: als Kameramann eines Spielfilms über die Tragödie 1996.

Der Funke zur Gründung eines Bergfilmfestivals in Graz war auf Schauer in Chamonix übergesprungen. Dort hatte er Anfang der 70iger Jahre die vielen Kletterfilme der jungen französischen Alpinisten und Bergfilmer bestaunt, die mit ihren Produkten den europäischen TV-Markt eroberten.

Wie viele habe auch ich mich oft gefragt: Warum gab es in den klassischen Bergsteigerstädten Wien, Innsbruck und München mit wenigen kurzlebigen Ausnahmen keine Bergfilmfestivals? Niemand hatte wohl den Mut dazu. Schauer hatte ihn!

Ich habe Roberts Tätigkeit 20 Jahre über mitverfolgt, so bereits 1986 in der Jury des ersten Grazer Bergfilmfestivals. Es war in seiner Aufmachung noch mehr als bescheiden: ein dünnes, schwarz-weißes Programmheft, auf einer Olivetti getippt, auf Offset gedruckt. Groß hingegen war es in seiner Besetzung: Die Elite der internationale Bergfilmer mit den Franzosen Jean Afanassieff, Robert Nicod und Nicolas Philibert, den Amerikanern Jeff Lowe und Michael Kennedy, sowie dem Deutschen Gerhard Baur kam, und auch die Erfolgsserie des Schweizers Fulvio Mariani begann. Er und Afanassieff holten sich die ersten Grazer „ Kameras Alpin in Gold“.

Schutzheilige und Alter Ego

Aus dem frühchristlichen Griechenland ist eine Familientragödie überliefert. Ein heidnischer Vater verwehrte seiner Tochter den Besuch der Gottesdienste, ließ sie in einen finsteren Turm sperren. Das Gebet der Eingekerkerten brachte nach kurzer Zeit Turm und Mauern zum Einsturz, worauf der Vater seine Tochter enthaupten ließ. Wegen dieser Dunkelhaft und ihres mauerbrechenden Glaubens wurde die Märtyrerin Barbara zur Schutzheiligen der Bergleute, Artilleristen, Maurer und Waffenschmiede. Vielleicht sollte man sie ob ihrer Dunkelhaft auch zur Patronin der Filmvorführer und Festivalorganisatoren ernennen, lebt und arbeitet doch in Graz eine Namenskollegin. Barbara Koren-Tauscher kennt Schauer von gemeinsamen Klettertouren aus frühen Jugendtagen. Seit 1992 ist sie mit ihrer Kreativität für das kulturelle Umfeld, den künstlerischen Rahmen des Festivals und mit ihrem Überblick, ihrem Organisationstalent, mit denen sie während der Dreharbeiten Schauers in den Bergen die Festivalbelange führt, zum alter ego ihres Jugendfreundes geworden. Alle, die diese besonnene, ruhige Frau kennen, werden mir beistimmen, wenn ich sie dankbar als „Schutzheilige“ des Festivals bezeichne.

Filmarbeit ist Teamarbeit

Schauer und Koren-Tauscher haben für das Festival über die Jahre auch ein kleines, aber leistungsstarkes Team aufgebaut, aus dem vor allem Wolfgang Ortner als langjähriger Moderator des Festivals - zusammen mit der „ Stimme Österreichs“, Ernst Grissemann und dem verstorbenen „Land der Berge“ -Redakteur Manfred Gabrielli - hervorragt.

Schauer ist auf seinem Gipfelgang zum mittlerweile größten und erfolgreichsten Bergfilmfestival des deutschen Sprachraums nicht gestrauchelt. Er hat dies neben seiner Ausdauer wohl auch zwei Bergfreunden zu verdanken. Sie haben in politisch selten gewordener Einigkeit Graz - einst „Stadt der Volkserhebung“ - nicht nur zu einer Stadt der Begegnung und des Dialoges zwischen Kulturen und Religionen, sondern auch zur „Stadt des Bergfilmes“ gemacht: Altbürgermeister Alfred Stingl und der steirische Altlandeshauptmann Josef Krainer.

Zuviel Tradition führt oft zu Stillstand. Davon sind auch Institutionen wie (Berg)filmfestivals nicht gefeit. Graz hat dies früh erkannt, war stets für Innovationen bereit. So kam zu den anfänglichen zwei Kategorien „Bergsteigerfilme“ und „Klettereien in Fels und Eis“ schon beim zweiten Festival 1988 eine dritte Kategorie „Natur und Umwelt“ dazu. 1994 „Abenteuerfilme“ als vierte Kategorie. 1995 wurde die Veranstaltung auf vier Tage ausgedehnt und erlebte mit der Retrospektive „100 Jahre Kino - 90 Jahre Bergfilm“ einen cineastischen Höhepunkt. Im selben Jahr gab es auch erstmals für den insgesamt besten Beitrag des Festivals den „Grand Prix Graz“. Ausstellungen der Fotographen Toni Muhr, Ace Kvale, Bill Hatcher und Jimmy Chin folgten, ebenso eine des Bergmalers Helmut Ditsch. Vor allem wurde Graz im November jedes Jahres – nur einmal, 1992, fand das Festival im März statt – zum Treffpunkt der berühmtesten Alpinisten und Bergfilmregisseure aus aller Welt. Aber auch „Große“ des TV- und Kinospielfilms wie zum Beispiel Karin Brandauer, ihr Drehbuchautor, der Dramatiker Felix Mitterer, ihr Gatte Klaus Maria Brandauer und der Regisseur seines mit dem Oscar ausgezeichneten Filmes „Mephisto“, der Ungar Istvan Szabo fanden den Weg in die steirische Metropole.

Der erfüllte Traum

Der Bergfilm kann persönliches Bergerlebnis nicht ersetzten, den Kinobesucher aber anregen, sich seine Träume vom Berg zu erfüllen. Auch Robert Schauer hat sich den Traum seiner Jugend, erfüllt: als Alpinist und Kameramann, als Organisator eines Festivals. Weiß er vom Ausspruch des englischen Regisseurs David Lean, dessen Filme mit 22 Oscars ausgezeichnet wurden?. Der große Epiker des Kinos und Schöpfer der wahrscheinlich besten Abenteuerfilme wie „ Die Brücke am Kwai “, „ Doktor Schiwago “ und „ Lawrence von Arabien “ bekannte einst: “Wir handeln mit Träumen“ und meinte: „Wenn man sich einmal so richtig für das Filmen in der Natur begeistert hat, versucht man dem Studio zu entkommen, wann immer es geht!“

Robert Schauer wird mir in seiner Bescheidenheit nicht gram sein, wenn ich seinem Lebenswerk neben dem Wunsch „ad multos annos“ noch ein Zitat der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen beifüge: „Der unwiderstehlichste Mensch auf Erden ist der Träumer, dessen Träume wahr geworden sind“

Lutz Maurer

Grand Prix Graz

Die Gewinner des Grand Prix Graz 1996 mit Robert Schauer: Hans-Peter Stauber (li.) und Lutz Maurer (re.)

 

Grand Prix Graz

Die ersten Gewinner des Festivals 1986 (v.l.): Jean Afanassieff, Fulvio Mariani, Karel Vlcek

 

Grand Prix Graz

Die Gewinnerin des Grand Prix Graz 2005 Frau Monica Schmiedt aus Brasilien (mi.), Frau Dr. Anne-Marie Leb (re.) und Robert Schauer

 

Grand Prix Graz

“Cumbre-Cerro Torre”, Gewinnerfilm 1986 von Fulvio Mariani

 

Grand Prix Graz

Thierry Renault bei einer Kletterdemonstration in der Nähe von Graz 1986

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