Ob der ehemalige österreichische Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky ein Bergsteiger war, weiß ich nicht. Zumindest jedoch schien er ein Faible für das Tun an den höchsten Bergen der Welt zu haben, denn ohne seine Intervention wären wir 1976 wahrscheinlich nie auf den Nanga Parbat gekommen. Doch der Reihe nach: Nachdem der legendäre Österreicher Hermann Buhl den Nanga Parbat 1953 erstbestiegen hatte, hatten sich bis 1976 insgesamt nur 16 Expeditionen an diesem 8.125 Meter hohen Himalaya-Riesen versucht. Lediglich drei waren erfolgreich gewesen. Nachdem Reinhold Messner mich auf eine unbegangene, aber wunderschöne Linie am Nanga Parbat aufmerksam gemacht hatte, wollten wir, Hilmar Sturm, Siegfried Gimpel, Robert Schauer und ich, unser Glück versuchen. Allerdings hatten wir ein Problem: Die pakistanischen Behörden vergaben zu jener Zeit nur eine Besteigungsbewilligung pro Jahr und Berg. Diese war 1976 bereits vergeben. Wir beschlossen, dennoch nach Pakistan zu reisen. Einmal im Lande, dachten wir, würden wir schon ein "permit" bekommen. Ein wahrer Spießrutenlauf begann, von einem Amt zum anderen, bis wir Dr. Bruno Kreisky ein gut einen Meter langes Fernschreiben sendeten, um ihn zu bitten, sich für uns einzusetzen. Und siehe da: Tatsächlich bekamen wir die heiß ersehnte Genehmigung. Auf vielen Umwegen im Basislager angekommen, stürzten wir uns voller Elan auf unsere Route. Unser Ziel war es im Alpinstil, ohne großen Materialaufwand, ohne Hochträger, ohne zusätzlichen Sauerstoff und über eine neue Route am Rand der höchsten Wand der Welt - der 4.500 m hohen "Rupalflanke" - den Nanga Parbat zu besteigen. In den ersten Tagen warf uns das schlechte Wetter zurück. Zwischen Lager I (5.100 m) und Lager II (6.100 m) erwies sich die Route als extrem Steinschlag gefährdet. Außerdem war sie so steil, dass wir einige Fixseile anbringen mussten. Nach etlichen Tagen des Hoffens auf Wetterbesserung witterten wir unsere Chance, und brachen vom letzten Lager (7.450 m) auf. Die Kletterei war schwierig und anstrengend, das erste Biwak dafür bequem. In einer Schneehöhle verbrachten wir die Nacht. Das zweite Biwak hingegen, in einer Höhe von 8.020 Metern, war ein echter Härtetest. Wir schliefen unter freiem Himmel, die Temperatur fiel auf -30° C. Der Vollmond schien und die Stimmung war sagenhaft. Ab und zu nickte ich ein - und träumte, wohl aufgrund des Sauerstoffmangels im Gehirn, immer das Gleiche: "Steige 300 Meter ab", sagte eine Stimme, "dann bist du im Grünen, dort ist es warm und du bist in Sicherheit." Nur Minuten dauerten diese Träume, dann wachte ich wieder auf, ernüchtert von der harten Wirklichkeit um mich herum. Irgendwann ging jedoch auch diese Nacht zu Ende, und der Morgen war wunderschön. Es war kein Wölkchen am Himmel und der Vollmond stand noch am Firmament, während die Sonne den Schatten des Nanga Parbat riesenhaft auf den Horizont projezierte. Schon eine Stunde später erreichten wir trotz der "schlafsacklosen" Biwaknacht den Gipfel. Das Glück war überwältigend. Ich fotografierte alles um mich herum, den "Silbersattel", die alten "Bekannten" früherer Expeditionen, den Momhil Sar, Diran, Malubiting, und schließlich auch den Hidden Peak. Denn auf den Tag genau ein Jahr zuvor hatten Robert Schauer und ich diesen 8086 Meter hohen Gipfel betreten. Heute, am 11. August 1976, standen wir gemeinsam auf dem Nanga Parbat.
 
 
 
  Freilich freue ich mich darüber, dass wir den Gipfel erreichen konnten. Noch mehr freue ich mich darüber, wie wir ihn erreichten. Der schnelle und leichte Stil war vor 25 Jahren innovativ und wegweisend. Vor allem Hilmar Sturm, Siegi Gimpl - damals erst 20 Jahre alt - und Robert Schauer - auch erst 22 Jahre, aber bereits auf seinem zweiten Achttausender - hatten eine enorme Leistung vollbracht. Und wir kamen alle gesund zurück. Seither ist der Weg als "Schell-Route" bekannt. Als sich die Expeditionsteilnehmer heuer - leider ohne den 1982 verunglückten Freund Hilmar Sturm - trafen, um das Jubiläum der Besteigung zu feiern, zeigte Robert Schauer seinen damals mit bescheidenen Mitteln gedrehten Film. Wir waren erstaunt, wie gut es ihm gelungen war, die Gefühle, Gedanken und Erlebnisse auf Zelluloid zu bannen. Angst, Anstrengung, Hoffnung, Enttäuschung, Glück - all das rief mir der Film wieder in Erinnerung.

Meine Damen und Herren, ich verspreche Ihnen nicht zu viel, wenn ich sage, Sie dürfen sich auf ein außergewöhnliches Dokument der Expeditions- und Filmgeschichte freuen.
Ich wünsche allen Besuchern des Festivals am Film "Vier Steirer am Nanga Parbat" und an allen anderen internationalen Beiträgen viel Freude.

Hanns Schell
Expeditionsleiter